Inhalt des Beitrags
Signe von Scanzoni war die letzte Partnerin im Leben Erika Manns. Kurz nach dem Tod der Freundin hat sie ihre Erinnerungen festgehalten und das Manuskript ist erst nach ihrem eigenen Tod gefunden worden. Schön deutlich wird das, wenn man sich die Stichwortverzeichnisse in den Biographien zu Erika Mann anschaut. Irmela von der Lühes Biographie nennt Signe de Scanzoni 1993 noch gar nicht – doch in späteren Ausgaben, schon. Denn sie hat das Buch 2010 selber herausgegeben.
Wer war Signe von Scanzoni?
Signe von Scanzoni war Jahrgang 1915. Sie wollte Sängerin werden, musste die Ausbildung aber abbrechen und wurde stattdessen Musikwissenschaftlerin. Sie arbeitete in der Nazizeit als Schauspielerin und Dramaturgin. Eine Erkrankung an Tuberkulose brachte ihr einen Aufenthalt in Davos ein; da sie zuvor durch, wie die Wikipedia schreibt, „defätistische Gesänge“ den Zorn der Nazis auf sich zog, war das wohl ihre Rettung. Nach dem Krieg arbeitete sie als Musikjournalistin, veröffentlichte Bücher und begegnete eines Tages der älteren Schwester ihrer Schulkameradin Elisabeth Mann – Erika.
Erika Mann und Signe von Scanzoni
Die eine kämpfte gegen die Nazis, mit aller Kraft und griff alle an, die ihrer Meinung zu Vater, Bruder oder politischer Korrektheit nicht entsprachen. Die andere war in Deutschland geblieben, hatte sich arrangiert und war keine blinde Thomas- oder Klaus-Mann-Verehrerin. Besonders auffällig war mir beim Lesen der Gegensatz zwischen den beiden, was die Einschätzung Gustaf Gründgens‘ betraf. Für Erika Mann ein verachtenswerter Opportunist eines grausamen, menschenverachtenden Regimes. Was hat es wegen der Veröffentlichung von „Mephisto“ für rechtliche Probleme gegeben! Signe von Scanzoni, die den Schauspieler ebenfalls gut kannte, hatte einen anderen Blick auf ihn. Wusste von seinem Rettungsversuch für einen Kollegen und lobte vor allem sein künstlerisches Talent, das sie ungeachtet politischer Differenzen zu würdigen wusste. Auch die Auseinandersetzungen um den „Doktor Faustus“ von Erika Manns Vater Thomas, an dessen Entstehung Erika einen guten Anteil hatte, war nicht ohne – Signe von Scanzoni hatte an diesem Spätwerk einiges auszusetzen! Und tat es. Ohne von Erika Mann angegriffen zu werden wie andere, die den Vater zu kritisieren wagten. In ihrer Besprechung des Buchs bei Deutschlandfunk Kultur weist Liane von Billerbeck darauf hin, wie sich das Bild der Furie Erika Mann hin zu einer an der ausweglosen Familiensituation leidenden Frau verschiebt – durch Signe von Scanzonis Bericht.
Inhalt des Buchs
Den Rahmen bildet die letzte Krankheit Erika Manns – es beginnt mit ihrem Dasein im Spital nach einer Operation an einem Hirntumor und endet mit ihrem Tod. Signe von Scanzoni schildert den Klinikalltag, die Zeiten, in denen Erika Mann wach war und die, in denen sie dämmerte, verwirrt war … Sie und die Mutter Katia Mann, zu der Zeit bereits hochbetagt, wechseln sich am Bett der Kranken ab. Kleine Bruchstücke aus dieser gemeinsamen letzten Zeit geben Anlass, über die gemeinsame Zeit der letzten Jahre zu berichten – über die Diskussionen, die Heimlichkeit der Beziehung, die Wünsche und Hoffnungen, gerade Erika Manns, aus der bisherigen Situation auszubrechen. Ein eigener Blick auf Erika Manns Leben und ein Einblick in das Leben der Signe von Scanzoni, die ihre Verletzungen pflegte.

Der Stil
Signe von Scanzoni hat einen fast schön pompösen Stil, ironisch gebrochen. Nicht ganz leicht zu lesen, aber durchaus unterhaltsam. Hier ein Beispiel, in dem sie Erika Manns Sprechkunst lobt:
Immer wieder entzückst du und entzündest Teilnahme mit den Nuancen deiner Spielkunst im intimen Rahmen. Die Farbpalette deiner Töne reicht vom zartesten Kinderton bis zum dominierenden Klang der engagierten Streiterin Da ist koboldhaftes staccato, sordiniertes legato, ein kräftig aufschwingendes allego furiouso, wehmütig verklingendes adagio und ein mollverschleiertes lacrimoso. S. 144
Man merkt die Musikverbundenheit …
Dann gibt es die Geschichte um Harold Pfister-Campbell – eine erfundene Figur, die der Konkurrentin beim geliebten Mann Ende der 40er Jahre ein Wechselbad der Gefühle mit herzzerreißendem Ende beschert. Signe von Scanzonit hat ihm eine längere Passage gewidmet und ich zitiere einen Satz über die zu strafenden Rivalin:
Madame, sektierisch von durchaus berechnender seelischer Delikatesse, handgestricktes Edelmenschentum, wurde bei allen den von ihr postulierten Lebensmaximen beschworen, Harolds Weg zu kreuzen. S 153f
Für meinen Vortrag zu Erika Mann war mir Signe von Scanzoni eine wichtige Quelle – so nah hat Erika Mann sonst niemanden an sich herangelassen. Ich kann es empfehlen.
Signe von Scanzoni: Als ich noch lebte. Ein Bericht über Erika Mann, Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN: 9783492273947

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