Inhalt des Beitrags
„Eine wirklich wahre Geschichte“ ist „Abrakadabra in der Sullivan Street“ untertitelt. Na, wenn das mal nicht einen gewissen Unterton hat.
Was erzählt Mascha Kaléko?
Erst einmal stellt sie ein Haus in der Sullivan Street vor: die Geschäfte im Erdgeschoss, die Bewohner und Bewohnerinnen. Musikalisch geht‘s zu – zumindest zwei der Leute im Haus habens mit Musik. Und dann gibt es da zwei Kinder: Judy und Pete, die Signora Marchese schon mal die Einkäufe ins Dachgeschoss schleppen. Kinder kommen selten ohne Eltern daher – so auch hier. Die Mutter fragt nach der Schule – Judy mit ihren 11 Jahren ist ein Musterkind. Doch Pete, gerade sieben geworden … Er soll in der Schule vom Beruf des Vaters erzählen, doch dummerweise hat der Lütte gerade eine Zahnspange bekommen und das Wort „musician“ ist dann echt schwer. Es wird „magician“ daraus. Auf die Fragen der Kinder nach dem Zauberer-Vater dreht er auf – nun ja.
Als die Mutter krank wird und Judy sich um sie kümmert, soll Pete einkaufen gehen. Oberste Pflicht: aufs Geld aufpassen und nur das kaufen, was auf der Liste steht – nun ja.
Es ist eine moralische Geschichte (so gesehen wirklich „eine wirklich wahre Geschichte“) und sie ist im Original auf Englisch geschrieben. Außerdem ist es eine Geschichte über das Greenwich Village in New York, dieses Klein-Europa in der Riesenstadt – der Maler im Haus ist Franzose, der Flötist aus Tschechien, ein italienischer Lebensmittelladen kommt vor: Greenwich Village eben.
Man kann davon ausgehen, dass autobiographische Elemente eine Rolle spielen, denn Mascha Kaléko lebte mit Mann und Sohn ebenfalls in Greenwich Village – ihr Gedicht „Minetta Street“ gibt davon Kunde. Chemjo Vinaver, Maschas Mann und der Vater ihres Sohnes Steven, ist ebenfalls Musiker. Nur eben kein Geiger oder Ähnliches, wie die amerikanische Lektorin es sich für eine verbesserte Version des Buches wünscht.
Im Kommentar zur Gesamtausgabe gibt es auch den Brief dieser Lektorin, die das Buch aus verschiedenen Gründen ablehnt. Einer ist das Wort „Abrakadabra“, das in ihren Augen sinnlos ist. Da merkt man die kulturellen Unterschiede zwischen einer deutschen Dichterin und einer amerikanischen Lektorin. In der Gesamtausgabe, die mir ja stets vorliegt, ist der Text einerseits auf Englisch abgedruckt, andererseits „einfach“ übersetzt, ohne Reim und Rhythmus, nur fürs Verständnis.
Übersetzungsvarianten
Die Ausgabe von 2026 bei dtv bietet Nachdichtungen. Ein Beispiel sei der englische Vers

„Be patient with patients, remember that rule.“/„My first job“, thought Judy. „Get Pete off to school./Your breakfast, dear brother, is right on the shelf/Now breakfast for Mother and some for myself.“
Die wörtliche Übersetzung in den gesammelten Werke lautet:
„Sei geduldig mit Patienten, denk an diese Regel.“/ „Meine erste Aufgabe“, dachte Judy/ „ist Pete zur Schule schicken./Dein Frühstück, lieber Bruder, steht schon auf dem Tisch/, Jetzt Frühstück für Mutter und auch etwas für mich.
Im Bild können Sie diese Szene sehen – hier steht nun, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschahn:
„Und Geduld mit der Kranken, vergiss das nicht“/„Pete muss zur Schul‘, das ist oberste Pflicht“,/dachte Judy und machte ihm Frühstück bereit./Jetzt Frühstück für Mama, für meins ist noch Zeit.
Die sehr angenehm zu lesende Übersetzung, oder besser „Nachdichtung“ von Uwe-Michael Gutzschahn sollte man auch als solche sehen: Es ist eben nicht Mascha Kaléko im Originalton. Aber so kommt der Text, der sonst als Original mit dieser recht schlichten Übertragung nur in den Gesammelten Werken vorkommt, dann doch noch an seine Zielgruppe, die Kinder.
Abrakadabra in der Sullivan Street als Bilderbuch
Das Titelbild gibt schon einen Eindruck davon, wie dynamisch die Bilder daherkommen. Dabei schafft es Thomas Müller, einerseits völlig „modern“ zu wirken, gleichzeitig aber auch Elemente der erzählten Zeit einzubinden. Schauen Sie nur auf den blauen Wagen des Titelbilds – 50er pur.

Eine nachgedichtete Mascha Kaléko für Kinder, gut illustriert – gefällt mir.
Mascha Kaléko: Abrakadabra in der Sullivan Street. Eine wirklich wahre Geschichte, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschahn, Illustrationen von Thomas Müller, dtv, München, 2026 . ISBN: 9783423766159

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