Drei Küsse für Herkules von Eva Engelken

Eva Engelken kam hier bisher als bissige Sachbuchautorin vor – “Drei Küsse für Herkules” ist ihr Romandebut. Zugegebenermaßen hatte ich erst mal ein paar Probleme ins Geschehen zu kommen:

  • Karneval ist so gar nicht meins …
  • Die Abkürzung “Herk” für Herkules find ich nicht schön.
  • Auch wenn Göttinen und Götter zum Personal gehören – ein paar Szenen waren mir zu fantasy-mäßig.

Doch genug gemotzt – letzten Endes habe ich das Buch ja doch gelesen und genossen.

Was erzählt Eva Engelken?

Eine verzwickte Geschichte um eine frustrierte Frau und Mutter, einen ebenso frustrierten Ehemann derselben, eine Gruppe griechischer Götter auf geheimer Mission für Europa und eben Herkules, Halbgott und derzeit auf Erden mit der Aufgabe, wieder unsterblich zu werden. Das geht aber nur wenn er entweder göttergleiche Taten vollbringt oder ehrliche Liebe erringt. Hm. Dieser Herk ist dazu nicht in der Lage. Ja, wenn man sich anguckt, was für eine Tröte der so ist im Düsseldorf unserer Tage abgibt, dann passt “Herk” vielleicht  doch.

Dionysos, sein schwuler Freund aus göttlichen Verwandtschaft, hat jedenfalls Probleme damit, die gescheiterte Existenz des Halbgottes zu akzeptieren. Aphrodite sieht das etwas gelassener. Zeus verfolgt eigene Ziele, Hera geht es vor allem um Politik und Hermes tut, was ein Götterboten halt so tut: Er sorgt für das Equipment.

Aphrodites Einfluss sorgt dafür, dass ungewollt Vivian, Anfang 40, dreifache Mutter, super gestresst und genervt, diejenige ist, mit Herk ein Techtelmechtel beginnt. Während ihr Mann Pornos guckt, in den Puff geht und so die Finanzen in Schieflage bringt, gibt sich Vivian allen guten Ratschlägen zum Trotz dieser Affäre hin. Wenn da nicht immer so merkwürdige Personen aufkreuzten.

Was es dann so gibt mit “echter Liebe” und der Rettung griechischer Kultstätten in und für Europa, das entwickelt sich unter Schwierigkeiten.

Bild Aphrodite für das neue Buch von Eva Engelken

Nein, nackig läuft Aphrodite nicht durch Düsseldorf – sie ist äußerlich voll auf der Höhe der zeit!

Eins sei noch angemerkt: Meine Lieblingsfigur ist eindeutig Aphrodite. “Wandelbar und zugewandt” wär meine Kurzformel für sie.

Okay, mehr verrate ich nicht – es wird auf jeden Fall noch actionreich und nachdenklich. Ja, Eva Engelken kann das in einem Buch! Sie erzählt schmissig und unterhaltsam, die leisen und die kritischen Töne kommen auch vor – eine gute Mischung.

Eva Engelken: Drei Küsse für Herkules, Edition Eva&Adams, Mönchengladbach, 2018, ISBN: 9783981990201 (E-Book), 97839781990218 (Taschenbuch)

Minnelyrik im modernen Gewand

Aber nicht nur. Die Originale sind auch drin. Tristan Marquardt und Jan Wagner haben Dichterinnen und Dichter unserer Tage angefragt, ob sie wohl Minnelyrik in modernes Deutsch übertragen wollen. Sie wollten. Und wie!

Was habe ich gemacht? Ich habe nach der Lektüre des informativen Vorworts zur Kunst und Geschichte der Minnelyrik sofort nach hinten geblättert zu meinem speziellen Liebling Oswald von Wolkenstein, meinem Prüfungsthema vonn 1990.

Moderne Minnelyrik – ein paar Beispiele

Hier wurde mir die Besonderheit dieses Sammelbandes sofort deutlich: Die zwölf ausgewählten Gedichte des Wolkensteiners wurden von neun Personen übersetzt, übertragen oder nachgedichtet. Während Durs Grünbein recht nah am mittelalterlichen Text bleibt, Uljana Wolf  das Spiel der Mehrsprachigkeit in unsere Zeit überträgt und Hendrik Rost besonders die eindeutigen Zweideutigkeiten aktualisiert, verwandelt Oswald Egger das „Es fuegt sich“ in ein völlig neues Kunstwerk, obwohl er kein einziges Wort aktualisiert. Stattdessen lässt er alle Wörter weg, die mehr als eine Silbe haben. Es entstehen sieben Strophen die wie Blöcke auf den Seiten stehen.

Erste Zeile – auch mit den großen Abständen zwischen den Wörtern:

Es    fuegt   sich   do   ich   was   von   alt   ich (S. 273)

Besuch bei Oswald von Wolkenstein, spätmittelalterlicher Vertreter der Minnelyrik

1991 war ich am Gedenkstein für Oswald von Wolkenstein besuchen – ja, das auf dem Bild bin ich … Foto: privat

So vielfältig wie bei meinem Lieblingsdichter sind auch die Übertragungen der anderen.

So hat Ulrike Draesener das bekannteste Minnegedicht von Walter von der Vogelweide “Under der linden” fast wortwörtlich ins Neuhochdeutsche übertragen; direkt dahinter jedoch steht ein ähnlich bekanntes – “Nêment, frouwe, disen cranz” – von ihm in der Übertragung von Tom Schulz – dieser Text kann seine Zeitgebundenheit nun wirklich nicht verleugnen. Aus „vil edele gesteine“ werden „Klunker mit tausend Karat“ und damit gar kein Zweifel besteht bezeichnet er sie als „eine junge Frau aus dem 21. Jahrhundert“.

Nora Gomringer überträgt “Sol ich disen summer lang” von Gottfried von Neifen als Interview

Tristan Marquardt und Jan Wagner haben sich mit ihrem Projekt an englischen Gepflogenheiten orientiert; dort sind Neu- und Nachdichtungen mittelalterlicher Werke üblich. Die Einführung zu Minnelyrik ist kenntnisreich und unterhaltsam geschrieben. Das Buch lädt zum Blättern und Entdecken ein – sei es nun die mittelalterliche Minnelyrik im Original oder seien es die Nachdichtungen und somit auch die Namen von Dichterinnen und Dichtern unserer Tage.

Tristan Marquardt und Jan Wagner (Hgg.): Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Zweisprachig, Hanser Verlag, München, 2017, ISBN: 9783446256545

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek Köln.

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Politisches Framing von Elisabeth Wehling

Den Literaturtipp habe aus dem Podcast “Was denkst du denn?”, den ich Ihnen sehr ans Herz legen kann. Elisabeth Wehling war für mich eine echte Entdeckung! Knapp 200 Seiten rund um Sprache und was sie transportiert. Fasziniert habe ich beobachtet, wie die Kognitionswissenschaftlerin Ellisabeth Wehling es schafft, die von ihr aufgedeckten Frames zu vermeiden. Oder wenn es mal nicht klappt, direkt selbst darauf hinweist und sich dabei auf die Schippe nimmt. Weiterlesen