Aufstieg einer Minderheit – 500 Jahren Protestanten in Köln von Klaus Schmidt

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgErschreckend, dass hier in Köln zu Zeiten der Reformation Menschen ihrer Überzeugung wegen hingerichtet wurden. Klaus Schmidt schildert in den ersten Abschnitten seines Buches diese eher dunkle Zeit des Protestantismus in Köln anhand kurzer, prägnanter Porträts. Dass es Protestanten in Köln schwer hatten, war mir natürlich schon bekannt; auch Mühlheim als protestantischer Nachbar war mir bekannt, doch dass in Frühzeiten der Reformation Erzbischöfe mit diesem Projekt liebäugelten, war mir unbekannt.

Klaus Schmidt legt in seinem rund 150 Seiten umfassenden Buch die Geschichte der Protestanten in Köln sowohl mit der Schilderung der allgemeinen Ereignisse, als auch mit der einzelner Persönlichkeiten dar. Sie bietet damit einen überschaubaren knapp umrissenen Überblick. Bei manchen der historischen Ereignisse, gerade in der Frühzeit, wird entweder ein grundlegendes Wissen oder die Bereitschaft, sich Kenntnisse anzulesen, vorausgesetzt. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr Dokumente liegen vor und desto breiter wird die Schilderung. Da finden die quasi zeitgleich auftretenden Laura Oelbermann und Carl Jatho ebenso Raum, wie die kolonialen Bestrebungen des Kaiserreichs. Und natürlich ist auch die Haltung der evangelischen Kirche in der Nazi-Zeit Thema: Verhältnismäßig breiten Raum nehmen Kritikerinnen wie Georg Fritze und Ina Gschlössl ein; aber auch die willfährigen Helfer stellte Klaus Schmidt vor – beesonders tragisch im Fall des Theologen Ernst Flatow, der als konvertierter Jude durch den Stadtobermedizinalrat Carl Coerper nicht nur aus seinem Amt entfernt, sondern dessen Aufenthaltsort offiziell bekannt gegeben wurde – Ernst Flatow starb im Warschauer Ghetto.

Da Klaus Schmidt, inzwischen fast 81-jährig, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur Beobachter, sondern auch Akteur war – besonders im Rahmen der Politischen Nachtgebete mit Dorothee Sölle -, ist verständlich, dass die kirchliche Aufbruchsituation dieser Zeit – und bis heute –  breiten Raum einnimmt. So entsteht besonders gegen Ende des Buches ein breites Panorama kirchlichen Engagements, das durchaus eine persönliche Note trägt.

Adolf Clarenbach war der bekannteste der "Blutzeugen" der Reformation - 1529 wurde er mit Peter Fliestden zusammen verbrannt. Das bild stammt aus dem Ökumenischen Heiligenlexikon

Adolf Clarenbach war der bekannteste der “Blutzeugen” der Reformationin Köln  – 1529 wurde er mit Peter Fliestden zusammen verbrannt. Das Bild stammt aus dem Ökumenischen Heiligenlexikon

Insgesamt schreibt Klaus Schmidt einen angenehm lesbaren, teilweise lockeren Stil. Die Darstellungsweise erinnert an ein Mosaik, denn das Buch besteht im Großen und Ganzen aus den kurzen Schilderungen einzelner Gestalten und Ereignisse.

Ein gründlicheres Lektorat hatte diesem Band aus der Reihe „Kirchengeschichte regional“ jedoch gut getan um beispielsweise Uneinheitlichkeiten in den Zeitformen entgegenzuwirken oder die Textdoublette von S. 27 und 33 zu vermeiden. Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine kompakte und informative Zusammenstellung der Geschichte der Protestanten in Köln. Ein Jahr vor dem Reformationsjubiläum eine interessante Neuerscheinung.

Klaus Schmidt: Aufstieg einer Minderheit – 500 Jahren Protestanten in Köln von Klaus Schmidt, in: Reiner Albert und Reiner Bendel (Hg): Kirchengeschichte regional, Band 6, Lit Verlag, Berlin, 2016. ISBN: 9783643133618

Wie der Dom nach Köln kam von Barbara Schock-Werner, Christoph Baum und Johannes Schröer

rp_Bild-Kinderbücher-276x3003-150x150.jpgEin richtig gutes Team, bestehend aus Barbara Schock-Werner und Johannes Schröer für den Text und Christoph Baum für die Illustrationen, hat ein Buch zum Kölner Dom gemacht, das “für alle” geeignet sein soll – für Junge und Alte, für Imis und Kölsche, und das den Dom in der Stadt thematisieren soll. Dieser Anspruch, den Dom in der Stadt zu inszenieren, war der Grund, dass Christoph Baum bei der Buchpräsentation einen Entschuldigungsbrief an den Dom verlas – er musste auf die Türme in seiner Darstellung verzichten, weil sie ein Format verlangt hätten, das in kein Regal mehr passt. Aber schließlich sollte auch das Drumherum des Doms mit ins Bild.

So ist es logisch, dass ein Buch über den Dom ohne den Dom beginnt – die erste der 14 Doppelseiten mit den großformatigen, kleinteiligen Bildern schildert den Bau der römischen Stadtmauer unter Kaiser Domitian. Die auf die Bilder folgenden Doppelseiten bringen im Text die Erklärungen – das veranlasst zum Zurückblättern, um die genannten Einzelheiten im Bild zu suchen (und dann noch andere zu finden). Von der römischen Stadtmauer geht es über die Blütezeit des römischen Köln direkt zu Erzbischof Anno und seiner Flucht und dann zum ersten Bauabschnitt.

Heutzutage hängt dieser Arbeitsplatz im Dachstuhl - früher schwebte man damit draußen an der Fassade ...

Heutzutage hängt dieser Arbeitsplatz im Dachstuhl – früher schwebte man damit draußen an der Fassade …

Hier ist der Freisitz aus dem Buch

Hier ist der Freisitz aus dem Buch

Die Texte auf den Erklärseiten sind leicht verständlich geschrieben, so dass das Buch dazu einlädt, es zusammen mit Kindern anzuschauen (die sehen noch viel mehr witzige Szenen und Figuren) – Barbara Schock-Werner wies darauf hin, dass das Format genau dazu passt, es über zwei Paar Beine zu legen 😉  Die Geschichte des Doms in Köln und die Geschichte Kölns wird bis heute geschildert – da der Dom jedoch die Hauptrolle spielt, sind viele, viele Jahre nicht berücksichtigt, denn die Baustelle ruhte über mehrere Jahrhunderte. So springt die Geschichte von 1300 bis 1700 und von dort direkt nach 1860. Die Frequenz der Darstellung im 20. Jahrhundert ist da sehr viel dichter: die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, die Zeit zwischen den beiden Kriegen, das zerbombte Köln, die Jahre des Aufbaus, Papstbesuch 1980 und der bislang letzte Umbau der Domumgebung sind die Themen.

Ein einladendes Buch, um sich mit dem Dom und seiner Stadt zu beschäftigen. Neben der großformatigen Hardcoverausgabe, gibt es auch eine broschierte Ausgabe – die ist für Mitglieder (auch werdende …) des Zentral-Dombau-Vereins: Wer bis zum Jahresende Mitglied wird, erhält ein solches Exemplar. Ziel des Dombau-Vereins ist, im Jubiläumsjahr 2017 – der Verein wird 175 Jahre alt  – 17.500 Mitglieder zu haben.

Christoph Baum (Illustration), Barbara Schock-Werner, Johannes Schröer (Text): Wie der Dom nach Köln kam, herausgegeben vom Zentral-Dombau-Verein zu Köln von 1842, Greven Verlag, Köln, 2016, ISBN: 978-3-7743-0673-8

in dem Kasten (unterer Kreis) ging es zu einer Plankenbrücke (oberer Kreis), die dann in den Dachstuhl führt

in dem Kasten (unterer Kreis) ging es zu einer Plankenbrücke (oberer Kreis), die dann in den Dachstuhl führt

Und es soll keiner sagen, ich gäbe für dieses Blog nicht alles: Für die Vorstellung dieses Werks über den Kölner Dom hab ich mich in luftige Höhen begeben – sie fand im Dachstuhl des Doms statt. Und ich hab Höhenangst …

Der offene Sarg von Sophie Hannah

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgDen ersten Hercule-Poirot-Krimi von Sophie Hannah habe ich ja bereits rezensiert und war sehr gespannt auf den zweiten. Gleich vorweg: Er hat mich nicht enttäuscht 😉

Der Ort der Handlung könnte nicht typischer sein: Ein Landsitz (in Irland), eine etwas bejahrte Hausherrin mit erwachsenen Kindern und Schwiegerkindern, einem Sekretär und zwei Anwälten. Zusammen mit diesen Personen befinden sich an der entscheidenden Dinnertafel noch die Pflegerin des Sekretärs – bekanntermaßen ist er schwer krank – sowie Poirot und sein neuer Freund Catchpool von Scotland Yard. Im Gegensatz zu den meisten am Tisch weiß ich als Leserin schon, welche Bombe Lady Athelinda Playford gleich hochgehen lässt, denn im ersten Kapitel erzählt Catchpool (aus dessen Perspektive ich alles miterlebe) die Vorgeschichte: Die erfolgreiche Schriftstellerin hat ihr Testament zugunsten ihres Sekretärs geändert – er soll alles erhalten, die Kinder Athelindas sollen leer ausgehen.

Aufschrei, Tumult. Besonders die Schwiegertochter stellt die zwei Absurditäten heraus: Die eigenen Kinder für einen Sekretär zu enterben, das könne nur als Antipathie besonders ihr gegenüber verstanden werden. Und jemand Todkrankem etwas zuzusprechen, was er nicht erleben wird, sei geschmacklos.

Die Tischgesellschaft löst sich in dem Moment auf, in dem der Sekretär seiner Pflegerin einen Heiratsantrag macht und Poirot beginnt sofort zu arbeiten: Er und Catchpool müssen herausfinden, wer sich wo aufhält, ob die Hausherrin in Gefahr ist und ob der Kranke gut versorgt ist. Einige Personen haben das Bedürfnis nach frischer Luft, darunter auch die „glückliche Braut“. Währenddessen leidet der dicke Anwalt sehr und geht davon aus, er sei vergiftet worden – er hatte einen Mann und eine Frau im Laufe des Tages Geheimnisvolles reden gehört. Wie der Arzt im Hause – der Verlobte der Tochter – feststellt, hat sich der Gourmand einfach nur, pardon, überfressen und schnarcht nach der drastischen Behandlung durch den arroganten jungen Mann lautstark. Mitten in das Schnarchen hinein tönen entsetzte Schreie: Die Pflegerin ist von ihrem Spaziergang zurück und steht vor dem Wohnzimmer – dort liegt der Sekretär, tot, mit zerschlagenem Gesicht. Die Pflegerin behauptet hartnäckig, sie habe die Tochter des Hauses beim Zuschlagen beobachtet.

Einer dER hausbewohner zitiert ständig aus "King John" von Shakespeare - die korrekte Wiedergabe eines Zitats hilft Poirot weiter

Einer der Hausbewohner zitiert ständig aus “King John” von Shakespeare – die korrekte Wiedergabe eines Zitats hilft Poirot weiter

So weit die Krimisituation. Natürlich ist der mit der Aufklärung beauftragte Beamte nicht nur unfähig, sondern auch unfreundlich. Poirot und Catchpool versuchen nun, alles herauszufinden, was relevant ist. Letztlich führen die Lektüre eines der weniger bekannten Dramen von Shakespeare, die nicht zerschmetterte Kinnpartie des Opfers und ein Besuch Poirots in Oxford zur Auflösung. Sophie Hannah lässt Inspektor Catchpool dabei durchaus  einige Meriten selber verdienen – er wird nicht als ein Poirot intellektuell so unterlegener Freund geschildert, wie es Hastings war. Die Charakterisierung der mehr oder weniger adligen Gesellschaft neigt in manchen Fällen ein wenig zur Übertreibung, passt aber trotzdem zu Poirots Umfeld, auch wenn ich  nicht vergessen kann, dass es eine Autorin des 21. Jahrhunderts ist, die den Roman schrieb.

Ein bisschen schade finde ich, dass die Charakterisierung Catchpools, dem im ersten Roman ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit Probleme bereitete, hier etwas „glatter“ daherkommt. Insgesamt ist es wieder ein gelungener Genre-Krimi a la Agatha Christie mit einem glaubwürdigen Hercule Poirot.

Sophie Hannah: Der offene Sarg. Ein neuer Fall für Hercule Poirot, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, , ISBN: 783455600537

Herr Müller, die verrückte Katze und Gott von Ewald Arenz

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDie Schrift des Titels ist so unter zwei Katzenaugen gesetzt, dass ich unwillkürlich an die Grinsekatze von „Alice im Wunderland“ denken musste – minimalistisch und hintergründig. Was Ewald Arenz da erzählt, hat seinen Schwerpunkt allerdings weniger bei der Katze als bei den Erzengeln Jehudi und Uriel und dem Dämonenfürsten Abaddon.

Der himmlischen Verwaltung ist beim plötzlichen Tod Herrn Müllers dessen Seele – tja, verloren gegangen. Und da das nicht sein kann, steht, wenn diese Seele nicht schnell gefunden wird, der Weltuntergang bevor; das ist Jehudi völlig klar. So macht er sich auf die Suche. Seine Verbündeten:

  • sein Bruder Abaddon, seines Zeichens gefallener Engel, Dämonenfürst und aus der Hölle an die Antarktis verbannt
  • John, ein etwas trotteliger, ehemals mittelalterlicher Mönch, den die himmlische Verwaltung überfordert
  • die zu steter Wanderschaft verurteilten Seelen von Abu und Mohammad
  • Pauline, die Freundin von Herrn Müllers Tochter Helena
  • Theresa, eine auf Pinguine spezialisierte Biologin

Die Erzengel, der Dämonenfürst und die Seelen von Abu und Mohammad legen eine Tour de force hin, sowohl im Hinblick auf Ortswechsel als auch auf Humor. Ewald Arenz hat eine sehr nachvollziehbare Version des Himmels in Hamburg1 angesiedelt – mit computerisierter Verwaltung von Geburten, Sterbefällen und Gebeten, mit Heiligen, Mächten und Gewalten und verstorbenen Seelen auf der Durchreise vor der nächsten Inkarnation.

Es sei schon verraten, dass Herr Müller sich in einer Katze, genauer gesagt in einem kleinen Kater, reinkarniert. Dank Martin Luthers Gebets-Register erfährt Jehudi von diesem in einem Kindergebet geäußerten Wunsch; nun hat er wenigstens eine Ahnung davon, wonach er suchen muss.

Ewald Arenz springt zwischen den unterschiedlichen Handlungsorten munter hin und her:

Da ich das Cover  zum Thema gemacht habe, hier ein Bild davon

Da ich das Cover zum Thema gemacht habe, hier ein Bild davon

  • Nürnberg
  • Hamburg
  • Hamburg1 – dort sitzt wie gesagt der Himmel
  • Antarktika
  • Prag
  • einige Orte in Frankreich, einschließlich Paris

und damit auch zwischen den verschiedenen Innensichten der handelnden Personen, pardon: Menschen, Seelen, Heiligen, Erzengeln und Abaddon. Und nicht, dass Sie meinen, die nicht-menschlichen Figuren seien von allem Irdischen ab; die Franzbrötchen im Schanzenviertel üben eine starke Anziehungskraft auf John aus. Und Jehudi liebt Gin Tonic. Abaddon hat sich in seiner jahrmillionenlangen Verbannung mit Pinguin-Weit-Wurf befasst – erinnert Sie das nicht an was?

Falls Sie sich fragen, was Gott im Titel zu suchen hat: Er hat auch seine zwei Auftritte 😉 Und letztlich entzündet sich die Frage nach der Apokalypse genau an Seinem Dasein. Es gibt gewisse Grundfesten für die Existenz von allem und durch das scheinbare Verschwinden von Herrn Müllers Seele kommen grundlegende Fragen auf … Aber psst, mehr wird nicht verraten.

Erzengel Uriel verfolgt eine andere Strategie als Jehudi und hofft mit Hilfe Helenas, der Tochter von Herrrn Müller, zum Ziel zu kommen. Dazu sucht sie das Mädchen in einem Park auf und was dann geschieht, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Nur die Vögel hatten beschlossen, im Chor zu singen, weil sie schon seit vielen Generationen kein Erzengel mehr gesehen hatten und sich nicht mehr erinnern, wir Jubilieren genau ging, aber auf keinen Fall irgendetwas falsch machen wollten. (…) Die Vögel begannen mit einem neuen Lied. Es hörte sich an wie eine etwas poppige Version von Großer Gott, wir loben Dich, aber schließlich war es ja Frühling. Eine Holztaube kopierte nicht ungeschickt einen Basslauf. (…) Die Vögel waren zu Geh aus mein Herz übergegangen. In einer Bossa-nova-Version. Vier Blaumeisen tanzten in einer exakten Reihe nebeneinander im Apfelbaum und trillerten ziemlich überzeugend ihre Interpretation einer Sambapfeife.  (S. 83-84)

Können Sie sich vorstellen, wie sehr ich bei dieser Stelle gegrinst habe? Und davon gibt es noch einige andere. Ewald Arenz hat einen durchaus eigenen Humor.

In einem Statement der Leserunde bei LovelyBooks hat Ewald Arnez geäußert, dass es ihn gereizt habe, das Leben aus Sicht einer Katze mit menschlichem Bewusstsein zu schildern. Das war der Keim für dieses Buch. Nach meiner Einschätzung hat er sich von dieser ersten Inspiration insofern weit entfernt, als dass sie zumindest nach meiner Lektüreerfahrung nicht das Zentrum des Buchs bildet. Bei allem Humor und manchmal auch Klamauk outet sich Ewald Arenz als durchaus bibelfester und nachdenklicher Autor (das mit dem bibelfest ist nicht ganz überraschend, denn er stammt aus einer Pfarrersfamilie).

Insgesamt habe ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen – und das nicht zum letzten Mal.

Ewald Arenz: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott, ars vivendi Verlag, Cadolzburg, 2016, ISBN: 978386916219

72 Tage von Thankmar von Münchhausen

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgWas genau geschah 1871 bei der Pariser Kommune? Thankmar von Münchhausen ist dem Geschehen minutiös nachgegangen. Er beginnt nicht erst mit den ersten Barrikaden, sondern holt aus, um die historische Gemengelage – politisch und sozial – in Paris darzustellen, denn hier liegen die Ursachen für den blutigen Bürgerkrieg in und um Paris.

„Die Pariser Kommune 1871 – die erste >Diktatur des Proletariats<“ lautet der Untertitel des umfangreichen Werks – aber um die Ereignisse dieser 72 Tage zu verstehen, ist es nötig, die Situation der Stadt am Vorabend des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 darzulegen. Dazu gehört die Situation der Arbeiter und Arbeitslosen – die große Masse derer, die von der Hand in den Mund leben und beispielsweise durch die Baumaßnahmen des Barons Haussmann ihre angestammten Wohnungen verloren. Thankmar von Münchhausen nutzt Zeitungsartikel und Polizeiprotokolle, um die angespannte Stimmung in der Stadt deutlich zu machen. Überhaupt ist die umfangreiche Arbeit mit Quellenmaterial ein Kennzeichen dieses Buches. So komme ich als Leserin nah an das Geschehen heran, fühle mich aber gelegentlich im Lesefluss etwas gehindert, weil ich viele Namen, Daten und auch Ausdrucksformen „verarbeiten“ muss.

Commune de paris prisonniers à l'orangerie de Versailles

Willkürliche Gefangennahmen von verschiedenen Akteuren und Gruppen waren an der Tagesordnung

Thankmar von Münchhausen bietet einen detaillierten Einblick in ein Geschehen, das in meiner Wahrnehmung immer nur ein Schattendasein führte. Die Einbindung in das Geschehen rund um die zweite Republik, die Herrschaft Napoleons III, den deutsch-französischen Krieg, die beginnende Industrialisierung und die daraus resultierenden sozialen Umbrüche macht deutlich, dass diese Episode eine größere Aufmerksamkeit verdient, als ihr gemeinhin zuteil wird. Ein gut lesbares Buch, detailfreudig, schlüssig und gut erzählt.

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste „Diktatur des Proletariats“, Deutsche Verlagsanstalt, München, 2015, ISBN:9783421044402

Linksammlung

In der Stadtbibliothek Köln gibt es den Titel als Print- und als E-Book-Exemplar:

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Deutsche Herzen – Deutsche Helden

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgUnter der Angabe, dieses Buch stamme vom selben Autor wie „Das Waldröschen“ und “Der verlorene Sohn”, startete im Dezember 1885 die Veröffentlichung des vierten der fünf Münchmeyer-Romane von Karl May. Die Anmerkung zum Autor ist nicht nur der Werbewirksamkeit wegen sinnvoll – „Das Waldröschen“ war ja ein großer Erfolg -, sondern auch die quasi weltumspannende Handlung erinnert an den ersten Lieferungsroman von Karl May. Neben den bekannten Schauplätzen im Orient und in Amerika kommt hier noch Sibirien ins Spiel.

Der Inhalt

Wollte man die Handlung kurz zusammenfassen, liefe es wohl auf „Familienzusammenführung“ hinaus. Die Handlung setzt in Istanbul ein, wo wir Zeugen eines Racheschwurs und zwei Jahre später der Freude über den geglückten Anschlag werden. Ibrahim Effendi bringt wegen des Todes seines Vaters die Familie Albans von Adlerhorst ins Unglück: das Familienoberhaupt muss sterben, Frau und Kinder werden auseinandergerissen. Sein „Partner in Crime“ ist ein Derwisch. Erst in der Handlung, die zweieinhalb Jahrzehnte später einsetzt, erfahren wir, dass dieser Derwisch die Hierarchie andersherum interpretiert – Ibrahim Effendi sei sein Werkzeug der Rache.

Die Handlung spielt nun hintereinander in drei Weltgegenden, bis sie am Ende in Deutschland zum guten Schluss geführt wird.

Der erste Part spielt in Istanbul, in Kairo und in der Wüste. Neben den schon vorgestellten Schurken spielen Hermann Wallert, der eigentlich ein von Adlerhorst ist, sein Freund, der Maler Paul Normann, die Sklavinnen Tschita, Zykyma und Gökala mit, so wie, als komische Figur, Lord Eagle-nest – mit den Adlerhorsts verwandt, wie der Name andeutet. Und dann gibt es noch den „großen Helden“ Oskar Steinbach, der plötzlich auftaucht und am Geschehen lebhaften Anteil nimmt, ja, sich die Führung einfach anmaßt. Im Laufe der verwickelten Handlung gibt es Mordanschläge, Entführungen und Enthüllungen in Fülle. Die „Guten“  verfolgen Ibrahim Pascha, wie er inzwischen heißt, und den Derwisch. Neben Personen, die ihnen helfen – oder denen sie helfen -, treffen sie auf den Schurken Graf Polikeff, der den Vater Gökalas ins Unglück stürzte – hier gibt es schon erste Verweise auf den dritten Teil, der in Sibirien spielt. Tschita entpuppt sich als Schwester Hermanns, Zykyma kann von einem Adlerhorst berichten, den sie in Russland getroffen hat – es gibt also erste Schritte auf dem Weg der Familienzusammenführung. Weiterlesen

Gedicht zum Tag – Tränen des Vaterlandes von Andreas Gryphius

  Tränen des Vaterlandesrp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x15011111111111111.jpg

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

Andreas Gryphius

Albert von Sebastian Jung

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgIn einer Graphic Novel erzählt Sebastian Jung die Geschichte seines Großvaters Albert. Genauer gesagt, erzählt eigentlich Eberhard die Geschichte seines Vaters und Sebastian setzt das Ganze grafisch um.

Es geht um das Leben eines Mannes, der 1922 geboren wurde und es nie leicht hatte. Seine Mutter starb drei Tage nach der Geburt von Albert. Neun Jahre später starb auch der Vater. Albert kam für einige Jahre in die Familie eines seiner älteren Brüder. Der Vormund, Alberts Onkel Ferdinand, schickte den 14-jährigen als Jung-Knecht zu einem Bauern. Dort fühlte sich der Junge wohl und fand ein echtes Zuhause, sogar eine Perspektive erhielt er: Auf Kosten seines Arbeitgebers begann er eine Ausbildung an der Landwirtschaftsschule. Doch Albert war 1939 erst 18 Jahre alt – unmündig. Im Oktober nach Kriegsausbruch  verfügte sein Vormund, dass er zum Militär müsse. Der 18-jährige gehörte zu einer berittenen Einheit, kam nach Norwegen und musste dann 1941 nach Russland. Nach ersten Verletzungen kam er 1942 auf Heimaturlaub, verliebte sich – nach seiner Genesung ging es zurück nach Russland. Nach einer lebensgefährlichen Verletzung und einem langen Lazarettaufenthalt heiratete Albert 1943 seine Luise. Mit Ende des Kriegs geriet Albert in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte. Der Wiederaufbau war eine harte Zeit für alle, auch für Albert und seine Familie, doch der beginnende Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland ging an ihm vorüber. Die Lebensgeschichte von Albert wird bis zu seinem Tod 2006 erzählt und immer wieder wird deutlich, was seinen Charakter ausmachte: Gerechtigkeitssinn, Familienverbundenheit, Aufrichtigkeit.

Sebastian Jung setzt die Erzählung seines Vaters Eberhard in schwarz, weiß und rot um. Neben seinen Zeichnungen nutzt er einzelne Fotos, auch mal Ausschnitte aus Formularen oder Briefen und schafft so eine Atmosphäre, die mich in das Leben von Albert hinein nimmt. Da stört es auch nicht, dass die roten Markierungen auf den Fotos das Erkennen der tatsächlichen Gesichtszüge erschwert. Das Buch als ganzes vermittelt einen Eindruck eines Lebens aus dem 20. Jahrhundert, das vor allem von Beschwernis gekennzeichnet war.

Sebastian Jung: Albert, mairisch Verlag, 2016, ISBN: 978398539422

Das Buch wurde mit dem AFKAT 2016 ausgezeichnet.