Gedicht zum Tag – Im Herbst von Wilhelm Busch

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Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

Wilhelm Busch

Der Distelfink von Donna Tartt

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWie dieser kleine Vogel schon aus dem Cover guckt – ich weiß ja nicht, ob Donna Tartt da mit eingebunden war (im Original ist das Cover identisch!), es ist auf jeden Fall ein sehr ansprechendes, vielversprechendes Motiv. Und Donna Tartt hält das Versprechen.

Worum es geht? Um Theo Decker und seine Entwicklung. Der kleine Distelfink, das Bild von Carel Fabritius, dessen Bild dem Buch den Titel gab und das Theo einen großen Teil der zehn Jahre begleiten wird, seit es in seinen Besitz kam, ist vorne im Buch noch mal abgedruckt, so dass ich immer, wenn von ihm die Rede war, dahin blättern konnte, um ihn mir noch mal anzuschauen, um die Details, die Donna Tartt uns über Theo, seine Mutter Audrey und andere vermittelt, die sich mit dem Gemälde befassen, nachzuvollziehen.

Fabritius-vink

Da ist er nun, der titelgebende Distelfink.

Theo schaut als Mittzwanziger zurück auf sein Leben. Und zwar mit präzisem, detailreichem Erinnerungsvermögen. Obwohl er ja am Anfang der Erzählung schon erwähnt, dass es um den Tag geht, an dem er seine Muter verlor, vermag Donna  Tartt die  Empfindungen eines im Schockzustand befindlichen Dreizehnjährigen so zu schildern, dass ich zusammen mit Theo auf das Wunder gehofft habe, seine Mutter möchte doch noch auftauchen. Und so geht es weiter – seien es Drogenerfahrungen, sei es der Frust seines Lebens bei seinem unzuverlässigen Vater – ich bekomme hier eine wirklich beenduckende Ich-Perspektive geboten.

Weitausholend im Gestus, kleinteilig und präzise in den Details – das ist ein Buch zum Eintauchen. Mag es auch merkwürdig erscheinen, von außen betrachtet, dass Theo den Verlust des Gemäldes  – ja, Spannung und Krimielemente enthät dieser Entwicklungsroman auch! – eben nicht gepürt hat: Im Buch selber ist erst einmal alles völlig stimmig, weil die Haltung, der Erzählton, das suggeriert.

Donna Tartt schreibt nicht viele Bücher – alle zehn Jahre mal eins. Ihr ersten beide kenne ich – noch – nicht; der Eindruck vom Distelfink ist jedenfalls so, dass ich dieses Versäumnis gerne mal nachhole.

Donna Tartt: Der Distelfink, übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze, Goldmann Verlag, München, 2013, ISBN: 9783442312399

Hauptsache Lyrik: Was sind Lyrics?

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x1501111111111111.jpgMit welchen Radiohits sind Sie denn so aufgewachsen? Einer meiner Favoriten als Kind war “Ein Student aus Upsalalalala” – Sie können sich nicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als man mir sagte, eine Stadt dieses merkwürdigen, singbaren Namens existiere tatsächlich (naja, zumindest ohne die zusätzlichen “lalas”). An den Text erinnere ich mich heute sogar teilweise noch – ein typischer Schlagertext eben; so hieß das früher – heute heißen die Texte in der Populärmusik sprachen- und grenzenüberschreitend “Lyrics”. Und sie sind uns vertraut!

Hier kommen ein paar Texte zu Selber-Vervollständigen – ich bin sicher, Sie kennen davon vieles und kommen schnell auf die nächste Zeile oder den nächsten Reim:

  • Der Tag als der Regen kam
  • Junge, komm bald wieder
  • Ein Schiff wird kommen
  • Fiesta, Fiesta Mexicana
  • Marmor Stein und Eisen bricht
  • Schön ist es, auf der Welt zu sein
  • Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n
  • Für mich soll’s rote Rosen regnen
  • Am Tag als Conny Kramer starb
  • Wind Nordost, Startbahn 03

Bei vielen Texten ist klar, dass es sich auf keinen Fall um Lyrik handelt – es sind Schlagertexte, eingängig, singbar, mit einem hohen Refrainanteil (der ist zum Wiedererkennen wichtig). Andere Texte dagegen haben Tiefgang, sprachliche Brillanz – und trotzdem sind es “Lyrics” und keine Lyrik.

Lyrics stehen nicht allein – sie sind auf Musik hin ausgerichtet und das hat Auswirkungen:

  • sinntragende Wörter sollen an gut hörbaren Stellen stehen
  • der Text muss die Geschichte auch dann noch verständlich rüberbringen, wenn mal Wörter oder eine Zeile untergehen
  • in 95 % der Texte ist ein Refrain gefragt
  • der Text muss zu Musik passen, also singbar sein
  • idealerweise sollte der Text zu der Person passen, die ihn vorträgt (und das kann auch schon mal heißen, dass bestimmte Lautfolgen für jemanden nicht so gut geeignet sind …)

Wer solche Texte verfasst, muss das Handwerk beherrschen. Es gilt, Geschichten oder Gefühle auf knappem Raum in Worte zu fassen, die Strophenformen zu kennen und diese so zu füllen, dass normal verständliche Sätze dabei rauskommen, die eben nicht des Reimes wegen umgestellt sind. Wenn man das Glück hat zu wissen, für wen man schreibt, kommt hinzu, dass Eigenheiten berücksichtigt werden sollen, seien sie nun sprachlicher Natur oder seien es solche, die mit dem (Bühnen)Charakter, der Persönlichkeit zu tun haben.

"Junge, komm bald wieder ..." - na ja, mit so einem Bötchen wird er nicht rausgeschippert sein, aber die Farben bringen die Sehnsucht nach dem Eer doch ganz gut rüber, oder?

“Ein Schiff wird kommen …” – na ja, so ein Bötchen ist vielleicht nicht gemeint 😉 Aber Sehnsucht macht das Bild auch, oder?

Können Sie sich das mit der sprachlichen Natur vorstellen? Es gibt dabei zwei Aspekte:

  • Lautfolgen sollen singbar und verständlich sein; manche Konsonantenansammlungen sind da hinderlich, aber auch wenn ein Wort auf einem Vokal endet und das nächste auf einem beginnt, kann das zu Verständnisschwierigkeiten führen.
  • Manche Interpretinnen kommen mit bestimmten Vokalen besser zum Klingen; Udo Jürgens z. B. auf dem “i”, Karel Gott eher auf dem “a” – wenn Textschaffende wissen, in welche Kategorie “ihre” Künstlerin gehört, können sie das berücksichtigen

Wer sich einen kurzen Überblick verschaffen will, weil es nach einem Traumjob klingt – bitte hier entlang. Edith Jeske, die hier befragt wurde, leitet seit 1996 die “Celler Schule“, eine Masterclass für Songschreiberinnen. Seit 2002 steht ihr da Tobias Reitz zur Seite, ein sehr erfolgreicher Texter. Die beiden haben auch ein Handbuch für Songtexter verfasst – ein guter Einstieg ins Thema. Andere Texter sind zum Beispiel:

Unter Lyrik hingegen verstehen wir heute Gedichte, die teils gereimt, teils ungereimt sind, die aber vor allem durch sprachliche Dichte gekennzeichnet sind, z. B. so was hier:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke)

Das kann man sich nicht als Schlager vorstellen, oder? Vertont wurde das Gedicht aber auch, und zwar mehrfach, wie die Zusammenstellung von Jessica Riemer zeigt. Auch ein Barde der populären Musik hat sich daran gewagt: Konstatin Wecker. Trotzdem: Lyrics im hier vorgestellten Sinne ist das Gedicht nicht. Lyrik gibt es in vielen verschiedenen Facetten:

  • romantisch
  • aufwühlend
  • provozierend
  • nachdenklich
  • politisch
  • religiös

Lyrics können das alles ebenfalls – aber die Bindung an Musik, und zwar in der Regel an eine bestimmte musikalische Richtung – Schlager, Pop, Rock, Folk – lässt der Sprache weniger Spielraum als eben Lyrik.

Törtchen-Mördchen von Petra Busch

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgPetra Busch hat bereits eine andere Sammlung  mit kleinen Krimis herausgebracht – “Mördchen fürs Örtchen“. Die Törtchen-Mördchen, die jetzt herausgekommen sind, bieten neben spannender Unterhaltung einen praktischen Zusatznutzen: Rezepte! Wenn Ihnen also ein “Törtchen” besonders lecker vorkommt – den teils grausigen Umständen zum Trotz – können Sie sich selbst daran versuchen, es herzustellen.

24 Kurzkrimis hat Petra Busch zusammengetragen – mal heiter, mal düster, mal skurril. Appetitthäppchen gefällig? Bitte sehr:

  • Muutzemandeln backt der eine, ein Muutzekopp ist der andere – ein Beichtgespräch der besonderen Art im Kölner Raum über zwei Brüder und ihre Geschichte.
  • Eine Trüffelpralinie mit exquisitesten Zutaten – Ursache für Einbruch, Mord und ABC-Alarm in Bamberg?
  • Prinzesssinentorte mit bitterem Beigeschmack in einer unglücklichen Nachkriegs-Patchwork-Familie.

In der ersten Gechichte vom naschhaften Mäuserich Willi werden, da sie quasi in einer Konditorei spielt, jede Menge leckerer Backwerke genannt – sie tauchen in den folgenden Geschichten wieder auf und dann gibt es das Rezept dazu. Laut Aussage von Petra Busch sind alle Rezepte getestet und garantiert giftfrei. Eine hübsche Sammlung für die Küche oder den Konditorei-Besuch, um die Wartezeit zu überbrücken 🙂

Petra Busch (Hrsg.): Törtchen-Mördchen, KBV-Verlag, Hillesheim, 2015, ISBN: 9783954412600

Ob es eine solche Sammlung mit Rezepten auch mal für die Liebhaberinnen herzhafter Genüsse geben wird? Hm?

Crime Cologne – 21.-26. September 2015

rp_Bild-Krimis-300x2681-150x1501.jpgNicht nur die litCologne – inzwischen im Frühjahr und im Herbst -, sondern auch andere Literaturveranstaltungen bereichern den Kölner Veranstaltungskalender, z. B. Lyrikfestivals wie letztes Jahr die Poetic Voices Africa und die Poetica zu Anfang dieses Jahres, nein auch Krimifreundinnen kommen auf ihre Kosten, denn im September startet die Crime Cologne.

Neben Lesungen, Diskussionen und Krimi-Dinner gibt es auch einen Besuch im Krematorium, Veedels-Touren, interaktive Verbrecherjagd und Museumsbesuche im Programm. Auch Jung-Detektive kommen nicht zu kurz. Für Abwechslung und für Spannung ist also gesorgt. Das Programm können Sie sich hier herunterladen

Lavalette von Golo Mann

Foto zu Historisches von Heike BallerAm liebsten würde ich die ganze Zeit einfach nur ein paar Sätze zitieren, denn Golo Mann schreibt einen wunderbar elaborierten Stil. Aber erst einmal zum Inhalt: Der Historiker Golo Mann hat sich, so der Untertitel, “Eine Episode aus napoleonischer Zeit” vorgenommen. Er beginnt wie ein Historiker mit der Geschichte von Antoine-Marie Lavalette, der nach dem Willen seines Vaters Kaufmann werden sollte, in den Wirren der Revolution aber einen anderen Weg einschlug, als fähiger Offizier ein Adjutant Napoleons im italienischen und ägyptischen Feldzug wurde und auf dessen Geheiß hin eine Verwandte von Joséphine Beauharnais ehelichte.

1801 erhielt er erst einen Posten als  Gesandter in Dresden und dann die Stelle des Generalpostmeisters – eine wichtige Position, denn dazu gehörte auch die Zensur und die Ausstellung von Pässen. Engste Zusammenarbeit bestand mit einem alten Bekannten von mir: Joseph Fouché (Stefan Zweigs Darstellung von Fouchés Leben gehört seit meiner Jugend zu einem meienr Lieblingsbücher). Die Geschichte ist gut belegt – die Degradierung unter den wieder eingesetzten Bourbonen, die Rückkehr auf seinen Posten nach Napoleons Flucht von Elba, der Verrat Fouchés, Gefangennahme und drohende Todesstrafe. Das mit der darauffolgenden Zeit lasse ich jetzt mal weg – ein bisschen Spannung darf ja bleiben.

Wie Golo Mann nun auf gerade mal 50 Seiten erzählt, das hat Charme, ist nicht immer leicht verständlich, macht aber eine Menge Spaß. Beispiel gefällig?

Houdetot - Lavalette, conseiller d'Etat

Eine Zeichnung von Frédéric Christophe d’Houdetot, die Rückenansicht von Lavalette

Aber die Frauen mochten ihn; die Männer, die großen Herren des Kaiserreiches, auch , zumal er seines Amtes vortrefflich und, soweit er durfte, auch menschenfreundlich waltete. S. 8.

Am Sonntag, den 7. Januar, wurde auf der Place de Grève ein Pfahl aufgestellt mit einer Tafel daran: Name, Verbrechen, Urteil. Zwei Gendarmen hattn das Ding zu schützen, aber nichts zu lachen. Das Volk von Paris lachte hell. (S. 37)

Ein Zufallsfund in der Bibliothek war das – er hat sich gelohnt.

Golo Mann: Lavalette. Eine Episode aus napoleonischer Zeit, Manesse Verlag, Zürich, 1987, ISBN: 3717581120