Wer wir sind und was wir wollen von Philipp Riederle

Erst auf S. 227 konnte ich dem jungen Autor Philipp Riederle richtig von Herzen zustimmen, denn da heißt es:

Schickt uns bitte, bevor Ihr uns das erste Mal auf Viedeospiele, Fernsehen, Internet oder überhaupt Bildschirme loslasst, regelmäßig zum Räuber-und-Gendarm-Spielen in den Wald. Oder zum Schneemann-Bauen. Oder zum Fußball oder Ballett. denn erst, wenn die wichtigen kindlichen Lern-, Sinnes- und Lebenserfahrungen gemacht worden sind, und erst, wenn sich die Abstraktionsleistung zur Unterscheidung von Wirklichkeit und Fiktion entwickelt hat, können Videospiele ein schadensfreies Unterhaltungsmedium sein – ein Unterhaltungsmedium und nicht mehr, wohlgemerkt. (Philipp Riederle: Wer wir sind und was wir wollen, S. 227)

Der vorherige Text hatte zwar auch schon ein paar Erkenntnisse für mich bereitgehalten, aber eben auch eine Menge Kopfschütteln.  Weiterlesen

Ein erfüllter Traum: Besuch einer Public Library! Teil 1: Provincetown

Wer amerikanische Literatur liest – seien es Krimis oder andere Bücher – kommt an der öffentlichen Bibliothek dort nicht vorbei. Sie ist, gerade in den kleinen Orten der fiktiven Welt der Platz, an dem Informationsstränge zusammenlaufen: Telefonbücher, Nachschlagwerke, kostenloser Internetzugang – und Bibliothekarinnen mit Hintergrundwissen und Recherchekompetenz. Da ich nun gerade in den USA weile, habe ich darauf bestanden, solche Public Libraries aufzusuchen. Selbst auf Cape Cod mit seinen nun wirklich nicht großen Orten ist mir aufgefallen, dass es überall sehr prominente Hinweise auf die öffentliche Bücherei gibt. Sie gehört einfach dazu. Auch zu wirklich kleinen Orten. Hübsch finde ich besonders das Icon: Es sieht aus wie ein „i“, das ein Buch hält. Leider habe ich es immer nur im Vorbeifahren gesehen und deshalb kein Foto. Aber bei der englischen Wikipedia gibt es das Icon – wegen der Aktion “Wikipedia loves Libraries“.

Provincetown – meine erste amerikanische Public Library!

Unser Besuch in Provincetown fand an einem sehr heißen Tag satt. Die Public Library dort befindet sich in den Räumen einer ehemaligen methodistischen Kirche (die zwischenzeitlich auch Museum war) und bot eine willkommene Abkühlung (ohne gleich auf so tiefe Temperaturen heruntergekühlt zu sein wie die Galerien und Geschäfte vor Ort).  Als erstes fiel mir, dass auf einigen der Regale – die sehr hübsch auf das Ambiente hin gestaltet waren: weiß gestrichenes Holz mit einem an Kirchenbänke erinnernden spitzen kleinen Aufsatz auf den Wangen – Inschriften waren, die auf die Spender hinwiesen. „In Memory of …“ oder „Dedicated by …“ (auf der Startseite  gibt es eine Slide-Show, in der ein Bild vorkommt, auf dem Sie diese Regale erkennen können). Das ist mir schon an vielen anderen Stellen aufgefallen: Parkbänke oder die Planken von Boardwalks tragen solche Aufschriften ebenfalls sehr gern – nach dem Motto „Tu Gutes und sprich darüber“.

Fast jede der Planken diese Boardwalks in SAndwich auf Cape Cod ist mit Namen und "memories" beschriftet

Fast jede der Planken diese Boardwalks in Sandwich auf Cape Cod ist mit Namen und “memories” beschriftet

Ich war jetzt nur im Erdgeschoss, wo sich die Belletristik sowie Internet-PCs, ein Mikrofiche-Lesegerät und ein Leseraum befanden. Es ging aber noch weiter. Im Leseraum z. B. war ein Hinweis auf einen ruhigen Arbeitsraum im Untergeschoss. Außerdem waren Kinder- und Jugendbücher in der oberen Etage, ebenso  Sachliteratur.

  • Es herrschte ein reges Leben – ruhig, aber  nicht auf Zehenspitzen oder so.
  • Es gab ausreichend Sitzgelegenheiten.
  • Die Bibliothekarin ging mit Nutzern an Regale, um ihnen was zu zeigen.
  • Es gab ein selbstverständliches Nebeneinander von alten und neuen Medien in traditioneller Umgebung.

Mir hats gefallen! Ein öffentlicher, freundlicher Ort, ohne Zugangsbeschränkung wie „Tagesausweis“ oder Ähnliches. Im Grunde genau, wie ich es mir vorgestellt habe. Und ein wohltuender Kontrast zum Trubel auf den Straßen in P’town  an dem Tage: Dort herrschte gerade „Carnival“ und es ging hoch her in dieser Homohochburg auf Cape Cod.

English Summary

I’ve read so often in american fiction about the public library in each town in the USA. So I was eager to visit such a library by my own. The first town was Provincetown on Cape Cod. The library is situated in a former methodist church and I’ve very much appreciated the style of the book-shelfs: they have a remembrance to the former church in their shape. It was only a short visit, but for me there was a fulfillement of what I’ve read about such institutions in american towns. Now I’ve started this little series about public libraries in America – next week it will be al report about the Redhook Library in Newport. Stay tuned.

Beim nächsten Beitrag am 5.9. geht es um die Redwood Library in Newport.

Schneider-Verlag wird 100 Jahre alt

Schneider-Bücher hatten in meiner Kindheit und Jugend zumindest in meiner Familie keinen guten Ruf. Schnelles, billiges Lesefutter, nix mit literarischem Anspruch oder inhaltlich Relevantem. Ich hab die Bücher natürlich trotzdem gelesen. Wer nicht ? Allerdings v. a. Bibliotheksxemplare … Zum Kaufen waren sie dann doch zu schnell gelesen. Manuel für Kinderbücher von Heike Baller

Nun feiert der Verlag von Onkel Franz seinen hundertsten Geburtstag, Sieh mal an. Als Kind macht man sich da ja keine Gedanken, wie lange so ein Unternehmen schon besteht. 1913 – das war kurz vor dem ersten Weltkrieg. Dann kamen da noch die Nazizeit und der zweite Weltkrieg – bewegte Zeiten, die dieser Verlag mit der Identifikationsfigur Onkel Franz da überstanden hat.

Diese Karten an Onkel Franz waren schon faszinierend, wenngleich ich nie eine abgeschickt habe. Der andere Vorteil der eingehefteten Seite war die Inspiration: Unbekannte Cover weckten Neugier, ebenso die zur Wahl gestellten Titel. Und dann gab es bei den Serien immer die Liste aller Titel – so behielt man den Überblick. Marketing war beim Schneider-Verlag also schon früh ein wichtiges Thema – das wäre meine heutige Einschätzung.

Bild zu Jugendbücher von Heike Baller Ich kann mich nicht erinnern, dann in der Lesegeschichte meines Nachwuchses Schneiderbücher noch eine große Role gespielt haben (naja, Schloss Schreckenstein (Bibi Blocksberg kam bei uns nicht vor)); eigentlich hatte ich sie schon fast vergessen. Aber da ist ja noch Berte Bratt mit ihren von mir immer gern gelesenen Mädchenbüchern, die zum Teil im Schneiderverlag erschienen sind. Oder das Buch “Junge, das ist Brasilien“, das ich zusammen mit andern alten Schätzchen von einem Kollegen meines Vaters geschenkt bekam. Doch, Schneiderbücher waren auch in meinem Leben wichtig und deshalb auch von mir:

Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag!

Death comes to Pemberley von P. D. James

Ja, ich weiß, das Buch gibt es auch auf deutsch . Aber ich konnte nicht widerstehen, es auf englisch zu lesen, denn ich genieße die Anlehnung an Austens Stil sehr. Und das kommt für mich im Original einfach besser rüber.

Für die, die in Austens Welt nicht so beheimatet sind: Pemberley ist das Haus von Fitzwilliam Darcy aus Stolz und Vorurteil – jetzt seit sechs Jahren das Heim von Darcy und Elizabeth. P. D. James hat sich mit 91 Jahren einen Traum erfüllt und eine Fortsetzung des beliebtesten Jane-Austen-Romans geschrieben. Natürlich einen Krimi! Weiterlesen

When the Emperor was Divine von Julie Otsuka

Da soll einer mal sagen, Reisen bilde nicht! In unserem Ferienhaus auf Cape Cod fand ich dieses Werk vor und habe – nach meiner vorherigen positiven Erfahrung mit der Autorin – sofort danach gegriffen.

Dieses Buch ist genauso gut wie “Wovon wir träumten”! Wieder geht es um Japaner in den USA. Es ist 1942, als die Geschichte beginnt. Eine Frau liest einen Aushang, macht sich Notizen, kauft ein bisschen ein und geht nach Hause, um zu packen. Zum Packen gehört das Weggeben der Katze an Nachbarn, das Schlachten der Hühner und das Töten des alten weißen Hundes. Sohn und Tochter müssen nach der Schule ebenfalls ihre Sachen packen. Das Haus ist jetzt leer.                       Bild zu Unterhaltung von Christian Baller

In nüchternen Worten, minimalistisch, berichtet Julie Otsuka von der Verlegung feindlicher Ausländer, in diesem Falle Japaner, in Lager, weit weg von der Westküste. Im Laufe der Lektüre erfahre ich als Leserin, dass der Ehemann und Vater schon direkt nach Pearl Harbour abgeholt wurde. Es gibt nur eine spärliche Briefverbindung. Aus der Sicht des Jungen werden die Auswirkungen der Zensur deutlich – manche Briefe kommen völlig unverständlich an.

Die Erzählerin lässt mich – mit viel Distanz – das Innenleben des Jungen, der Frau und des Mädchens erleben. Die Sätze sind kurz. Die Bezüge zwischen den einzelnen Elementen entwickeln sich im Laufe der Lektüre.

Gegen Ende passiert wieder der Wechsel von der außenstehenden Erzählerin hin zum „Wir“ – das „wir“ umfasst die beiden Kinder. Ich erlebe ihre Rückkehr nach Berkley direkt aus ihrer Sicht. Auch das vollkommen „trocken“. Große Emotionen zu schildern ist nicht die Sache von Julie Otsuka. Doch mit ihrer minimalistischen Erzählhaltung lässt sie mir den Atem stocken über das Unfassbare, was da geschieht und was es mit den Menschen macht. Am Ende kommt auch der Vater zu Wort – mehr will ich hier nicht verraten.

Ich finde, es ist ein großartiges Buch.

Julie Otsuka: When the Emperor was Divine, Anchor Books, New York, 2003, ISBN: 0385721811

Bisher ist das Buch nicht auf deutsch erschienen. Es war 2002 ihr Debut als Schriftstellerin.

English summary:

In this novel Julie Otsuka describes the circumstances of declasssification of the japanese Americains in World War II, after Pearl Harbour. It’s the story of one family, a woman, a boy and a girl. The father has been already arrested as an enemy alien. The three of them now are arrested, too. They have been transferred from one prisoner camp to another.

Julie Otsukas language is very impressive, although she never uses emotional words. She describes very objectively the preparations of the woman before the arrest (the packing of houshold hardwares, the cat, which is given to a neighbour, the killing of the hens and the old dog) and the situation in the prisoner camp (boring days, cold or hot days, waiting for letters – those censured and sometime nearly ununderstandable) through the eyes of the boy and the girl. And the end – to be back at Berkley. What does happen to a family in this situation? With the novel of Julie Otsuka you can get witness of this destroying times.

It’s a wonderful novel, which I really appreciated

Club der gebrochenen Herzen von Deborah Moggach

Buffy, ein im Ruhestand lebender Schauspieler, erbt eine Frühstückpension in Wales. Da seine besten Zeiten in London vorbei sind – er ist über 70 – und viele Menschen, die ihm dort wichtig waren tot, macht er sich auf den Weg, diese Pension zu führen. Ein bewegtes Leben liegt hinter ihm – drei Ehen, mehrere andere Beziehungen, summa summarum fünf leibliche Kinder (alle schon erwachsen) und eine Stieftochter (dito). Die Söhne helfen beim Umzug, eine Tochter kümmert sich um die Buchhaltung, die Stieftochter arbeitet begeistert in der Küche mit. Bild zu Unterhaltung von Christian Baller

Aber das Myrtle House, so der Name des Erbstücks, ist nicht schick-schäbig – es ist einfach nur schäbig. Renovierungsstau. Es muss dringend was getan werden. Buffys Qualitäten als Hausherr halten sich in Grenzen – weder Renovieren noch Gartenarbeit liegen ihm. Die Bemerkung einer Frau gibt ihm dann den nötige Stups – er hat eine Idee: In seinem Myrtle House sollen Menschen, die gerade eine Trennung hinter sich haben, das lernen können, was ihr Partner oder ihre Partnerin während der Beziehung erledigt hat. So organisiert Buffy Menschen, die Autos reparieren können oder einen Garten pflegen – sie sollen die Kurse abhalten. Ein Journalist setzt einen Artikel in die überregionale Presse und los geht das Karussell. Buffys Hintergedanke ist klar, oder? Es ist schon eine tolle Geschäftsidee … Weiterlesen

Fahrbare Bücherei am Boston Common

An einem Springbrunnen im Boston Common habe ich diese fahrbare, kostenlose Bücherei entdeckt. Das Schild gibt Auskunft über Träger und Bedingungen. Besonders schön fand ich die runden Öffnungen an den Schmalseiten, in denen aktuelle Tageszeitungen Platz finden – leider auf dem Foto nicht zu sehen. Mehrere Leute haben sich mit Lesestoff versorgt, während ich dort war – es wurde gerade aufgebaut. Die Bezeichnung “Reading Room” finde ich besonders gelungen.

Drei solcher Wägelchen standn am Springbrunnen mit Literatur für alle zum Lesen. Photo: Johannes Baller

Drei solcher Wägelchen standn am Springbrunnen mit Literatur für alle zum Lesen. Photo: Johannes Baller

 

Neben der fahrbaren Bücherei sind auch noch Klaviermusik und Schach sowie Backgammon im Angebot. Photo: Johannes Baller

Neben der fahrbaren Bücherei sind auch noch Klaviermusik und Schach sowie Backgammon im Angebot. Photo: Johannes Baller

 

Ein Drei-Tassen-Problem von Stefan Winges

Die kennen Sie bestimmt: Zwei-Männer-WG in einer Straße mit B, Hausnummer mit “21 B” drin; einer der Männer ist Arzt, der andere – na, was wohl? Detektiv, genau. Klaro – good old Sherlock und sein Freund Watson in der Baker Street … Stimmt aber nicht. Es sind Marius van Larken und sein Mitbewohner Dr. Möring in Köln. Brabanter Str. 21 B lautet die Adresse und wir schreiben das Jahr 1895. Weiterlesen

Biskuitrolle rückwärts von Frank Osthoff

So kommt Buchbloggerin auch zu Rezensionsexemplaren: Kölner Autor schreibt an Kölner Leselust, ob vielleicht …? Bild zu Unterhaltung von Christian Baller

Die Beschreibung klang nett, also habe ich zugestimmt – und mich eben, direkt nach Erhalt des Büchleins, richtig gut amüsiert. Frank Osthoff hat ein paar sehr lustige und sprachlich  abgefahrene Sprüche drauf. Es gibt bei ihm ein paar Neuzugänge in diversen Götterhimmeln, Erfahrungsschätzlein aus dem Gärtnerleben, Namensspielereien (Frau Hempel! Sie wissen schon – die Familie mit dem Sofa!) und – teils saisonbedingte – Sortimentserweiterungen für ziemlich viele Lebenslagen. Leider kann ich  hier nicht einfach rumzitieren, auch wenns mich juckt  –  schließlich sollen Sie bei Erwerb des Büchleins einfach draufloslachen können. Nähere Informationen zu Buch und Autor bekommen Sie auf der dazugehörigen Website: www.biskuitrollerückwärts.de

Mir haben die 55 Textlein echt Spaß gemacht. Wer weiß, was da noch kommt … (Kommt da noch was, Herr Osthoff?)

Frank Osthoff: Biskuitrolle rückwärts. Gesammelte Widerworte, epupli Berlin, 2013, ISBN: 978384445042

Andrea Behnke interviewt Birgit Ebbert zu “Brandbücher”

Wer sich für den Recherche- und Schreibprozess von “Brandbücher” interessiert, kann das bei Andrea Behnke tun, die die Autorin befragt hat: Interview Brandbücher. Gerade bei mehreren Handlungssträngen, die zudem in unterschiedlichen Zeiten spielen, ist der Überblick sehr notwendig