Paul Gerhardt – Sonmmergesang

Paul Gerhardt – Sonmmergesang

Andrea Juchem von Bachmichels Haus hat eine Blogparade ins Leben gerufen, die mich reizt – auch wenn es auf ersten Blick so aussieht, dass ich mit „meinem“ Lied da nichts zu suchen habe. Zum Glück rückt sie aber im eigentlichen Text von der Vorgabe „Altes Gotteslob“ ab und so haben Lied 503 und ich doch die Möglichkeit, uns zu präsentieren.

Lied 503 im evangelischen Gesangbuch ist eins der Lieder, deren erste Zeile fast jeder deutschsprachige Mensch kennt „Geh aus mein Herz und suche Freud“ – der „Sommergesang“ von Paul Gerhardt. Und dazu gibt es bei mir folgende Gedanken, die den Gebrauch in unseren – evangelischen – Gottesdiensten im Blick haben:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

Der Dichter, Paul Gerhardt,  ist außerhalb kirchlicher Kreise und teils auch in ihnen weniger bekannt, aber das wäre auch durchaus in seinem Sinne.

Er wollte Andacht ermöglichen – und Menschen vieler Generationen haben sich seine Texte zu eigen gemacht, so dass sie in allen Lebenssituationen darin Trost oder Unterstützung oder auch Worte des Dankes und Lobes finden konnten. Dazu hat er hier nun 15 Strophen gedichtet. In Gottesdiensten werden davon i.d.R. nur einige gesungen. Aber Paul Gerhardt hat sich ja was dabei gedacht, als er einen so langen Text schrieb.

Ein Beispiel dafür sind die vielen Anspielungen im Text. Barocke Gedichte leben von so etwas. Ich will Ihnen hier ein paar aus den ersten Strophen nennen und zwar solche mit geistlichem Bezug.

Biblische und andere geistliche Bezüge

Ein zeitgenössische Abbildung einer Tulpe

Die Bäume stehen voller Laub,

das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Diese 2. Strophe platzt bald von all den Bezügen zur Bibel, die darin stecken: Da ist von Erdreich und Staub die Rede – für Menschen in der Barockzeit ein klarer Hinweis auf die Vergänglichkeit, wie wir ihn heute auch noch aus den Worten bei Bestattungen kennen.

Als Gegenpol folgt das grüne Kleid, das auf die grüne Au in Psalm 23 verweist.

„Salomonis Seide“ in Zusammenhang mit Blumen – klar, das ist die Bergpredigt . In Strophe 6 und 7 verraten Weinstock und Weizen dem kundigen Leser, besser aber der Sängerin oder  dem Beter, den Bezug zum Abendmahl.

Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte

Paul Gerhardt hat das Gedicht ganz klar gegliedert – es besteht aus zwei Teilen mit einem Scharnier in der Mitte – das ist die 8. Strophe. In den ersten sieben Strophen zeichnet der Dichter die Schöpfung nach – die Zahl sieben ist dabei bestimmt kein Zufall …

Die 8. Strophe veranlasst den Wechsel zum Ich und seinem Verhältnis zu Gott.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Jenseitshoffnung

Es folgen ein paar Strophen, die selten bis gar nicht gesungen werden – die Strophen 9 bis 12. Das Verhältnis zu Tod und Sterben sowie die Erwartungshaltung gegenüber dem Leben nach dem Tode hat sich in den letzten 350 Jahren doch sehr verändert – so sind uns die Strophen heute eher fremd, ja befremdlich.

Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden;
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden!

Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muss es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdrossnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen?

O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
So wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

Auch wenn uns die Formulierungen mit „O wär ich da“ und „ach süßer Gott“ – bei aller Farbigkeit und erwarteten Seligkeit im Paradies abgehoben erscheinen: Paul Gerhardt bleibt hier nicht stehen.  Er kehrt mit seinem Anspruch ans Ich wieder ins Leben zurück – dieser Übergang findet sich in Strophe 12:

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

Das Leben auf dieser Erde ist nicht einfach – das macht Paul Gerhardt mit einer Zeile deutlich.

Aber lassen  Sie uns die Strophen davor nicht ganz aus den Augen verlieren. Abgesehen von ihrem Jenseitsbezug haben sie nämlich eine weitere Besonderheit aufzuweisen:

Gottesherrschaft – menschliche Herrschaft

Sie greifen  die Herrschaftsbilder aus dem ersten Teil wieder auf. Dass es sich bei dem „güldenen Schloss“ um ein Herrschaftssymbol handelt, ist ja noch einsehbar – uns Heutigen ist weniger klar, dass auch das Bild vom Garten selbst ein solches Symbol ist.

Gärten, wenn sie nicht reine Nutzgärten mit Kräutern und Gemüse waren, waren damals zu Repräsentationszwecken sehr wichtig. Gartenarchitekten verdienten viel Geld, weil mächtige und vermögende Herren bereit waren, viel dafür zu zahlen. Das Bild vom Garten kommt im zweiten Teil gleich zweimal vor – in Strophe 10 ist von Christi Garten die Rede und in Strophe 14 will das Ich „Deines Gartens, also Gottes Gartens, „schöne Blum“ werden.

In diesem Zusammehang möchte ich doch noch was zur Blumenwahl in der 2. Strophe sagen:

Im Frühling sind sie bei uns Alltag – Narzissen. I, KENPEI (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Narcissus_pseudonarcissus5.jpg), „Narcissus pseudonarcissus5“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

In der Bergpredigt ist von Lilien auf dem Felde die Rede; Paul Gerhardt nennt statt dessen die Modeblume seiner Zeit, die Tulpe, für deren Zwiebeln in Holland Unsummen gezahlt wurden und die den ersten großen Börsenkrach verursachte: die Tulpe ist die Blume der Reichen schlechthin zu Gerhardts Zeit. Und die Narzisse hat aus der griechischen Mythologie auch noch was mitgebracht; wir kennen heute den Narzissmus – der Blumenname wie diese Bezeichnung gehen beide auf den Narziss zurück, der im Wasser sein Spiegelbild bewunderte und wegen eines Blatts, dass das Wasser kräuselte meinte, er sei hässlich und deshalb starb; er wurde in eine Narzisse verwandelt. Das gesenkte Haupt der Narzisse deutet noch heute an, dass sich da jemand gern im Wasser spiegelt. Hier haben wir also ein bisschen „Moral“.

Paul Gerhardt ordnet Gottes Garten dem herrschaftlichen Garten der damaligen Zeit über, so wie Gottes Herrschaft der menschlichen Herrschaft übergeordnet ist – so ist das „güldene Schloss“ ja kein Sitz eines Königs sondern Gottes. Und in dem Satz aus der ersten Strophe „wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben“, da wird schon deutlich, dass die irdischen Herrschaftsverhältnisse nicht zählen, wenn es um „Gottes Gaben“ geht – hier sollen die Gärten zur Freude der „kleinen Leute“ blühen? Ein ganz schön gewagter Gedanke! Seine Begründung findet sich dann eben im zweiten Teil, in dem die Hierarchie der Herrschaft klargestellt wird – Gottes Herrschaft über die von Königen und anderen Menschen.

Der glaubende Mensch

Die letzten drei Strophen behandeln das Glaubensleben des Menschen. Es geht um die Pflichten des Geschöpfes gegenüber seinem Schöpfer. Dabei ist das nicht als Zwang zu verstehen, es ist keine Despotie, sondern die Pflichterfüllung soll aus der eigenen Einsicht in das Wirken Gottes, in seinen Segen und seine Gaben erwachsen. Zu dieser Einsicht sollten die 12 Strophen führen, die der Beter oder Sänger nun schon gesprochen oder gesungen hat.

Und worin besteht die Pflicht? – Im Gotteslob.

mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

Für Gerhardts Zeitgenossen war das eine ziemliche Herausforderung. Die Folgen des 30jährigen Krieges waren noch Jahre, z. T Jahrzehnte später zu spüren; ganze Landstriche waren entvölkert – entweder durch den Krieg selber oder durch die Missernten der Zeit oder durch die mehrfach auftretende Pest. Damit waren nicht nur die Felder und Gebäude zerstört und viele Menschen zu Tode gekommen – die Grausamkeiten des Krieges hatten auch die Seelen der Menschen zerstört. Manche hatten nie etwas anderes erlebt als Krieg und Totschlag und verlassene Pestopfer und Brand und Missernte – solchen Menschen fiel es bestimmt nicht leicht, Gott für seine Gaben zu loben.

Gottes Segen sichtbar machen

Dem Grauen seiner Zeit setzt Gerhardt eine völlige Idylle entgegen, der man die Idealisierung von weitem ansieht: Es handelt sich nicht um eine realistische Beschreibung eines Sommertages im Brandenburgischen, sondern um eine Versammlung von Bildern, die den Segen vor Augen führen soll, die allem Entsetzen zum Trotz Gott seinen Menschen zukommen lässt:

Glucke mit Küken – sieht man heutzutage nur noch selten. Klearchos Kapoutsis from Paleo Faliro, Athens, Greece (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Do_not_even_think_about_it!.jpg), „Do not even think about it!“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

Mit dem Gedanken an die Fülle, an den Segen trotz aller Missstände, mit dem Gedanken soll das Lob des Schöpfers das eigene Leben bestimmen. Auch wenn die irdische Schönheit ein Vorgeschmack des Paradieses sein soll, ist sie doch auch ein Zeichen für die Gegenwart Gottes in der Welt.  Wer in diesem Bewusstsein lebt, dessen Leben wird den Segen weitergeben, in dessen Leben werden „Glaubensfrüchte“ zu finden sein, er wird ein „guter Baum“ und eine „schöne Blum“ sein.

Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben*.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen.

Wenn ich mir den Text so intensiv anschaue, kann ich gut nachvollziehen, dass Menschen das als Trostsprache mit sich herumtrugen und -tragen.

Wenn Sie den ganzen Text einmal hören wollen – bitte hier entlang.

Dieser Text beruht auf einer Predigt, die ich im Paul-Gerhardt-Jahr  2007 gehalten habe.

*Das ist die Fassung aus dem Gesangbuch. Im Original steht da bekleiben – dazu habe ich bei Profi-Wissen mal was geschrieben (H B., 28.6.2019)

Bisher gibt es noch keine Kommentare

  • Luchen

    25. November 2013 at 14:56 Antworten

    Was ist denn mit dem Hirten? Auch der Hirsch kommt mir biblisch vor.

    • Heike Baller

      25. November 2013 at 17:42 Antworten

      Stimmt. Aber dann wäre der Text ja endlos geworden. Danke auf jeden Fall für den Hinweis.

      Herzliche Grüße
      Heike Baller

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