Hauptsache Lyrik: Was sind Lyrics?

Hauptsache Lyrik: Was sind Lyrics?

Mit welchen Radiohits sind Sie denn so aufgewachsen? Einer meiner Favoriten als Kind war „Ein Student aus Upsalalalala“ – Sie können sich nicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als man mir sagte, eine Stadt dieses merkwürdigen, singbaren Namens existiere tatsächlich (naja, zumindest ohne die zusätzlichen „lalas“). An den Text erinnere ich mich heute sogar teilweise noch – ein typischer Schlagertext eben; so hieß das früher – heute heißen die Texte in der Populärmusik sprachen- und grenzenüberschreitend „Lyrics“. Und sie sind uns vertraut!

Hier kommen ein paar Texte zu Selber-Vervollständigen – ich bin sicher, Sie kennen davon vieles und kommen schnell auf die nächste Zeile oder den nächsten Reim:

  • Der Tag als der Regen kam
  • Junge, komm bald wieder
  • Ein Schiff wird kommen
  • Fiesta, Fiesta Mexicana
  • Marmor Stein und Eisen bricht
  • Schön ist es, auf der Welt zu sein
  • Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n
  • Für mich soll’s rote Rosen regnen
  • Am Tag als Conny Kramer starb
  • Wind Nordost, Startbahn 03

Bei vielen Texten ist klar, dass es sich auf keinen Fall um Lyrik handelt – es sind Schlagertexte, eingängig, singbar, mit einem hohen Refrainanteil (der ist zum Wiedererkennen wichtig). Andere Texte dagegen haben Tiefgang, sprachliche Brillanz – und trotzdem sind es „Lyrics“ und keine Lyrik.

Lyrics stehen nicht allein – sie sind auf Musik hin ausgerichtet und das hat Auswirkungen:

  • sinntragende Wörter sollen an gut hörbaren Stellen stehen
  • der Text muss die Geschichte auch dann noch verständlich rüberbringen, wenn mal Wörter oder eine Zeile untergehen
  • in 95 % der Texte ist ein Refrain gefragt
  • der Text muss zu Musik passen, also singbar sein
  • idealerweise sollte der Text zu der Person passen, die ihn vorträgt (und das kann auch schon mal heißen, dass bestimmte Lautfolgen für jemanden nicht so gut geeignet sind …)

Wer solche Texte verfasst, muss das Handwerk beherrschen. Es gilt, Geschichten oder Gefühle auf knappem Raum in Worte zu fassen, die Strophenformen zu kennen und diese so zu füllen, dass normal verständliche Sätze dabei rauskommen, die eben nicht des Reimes wegen umgestellt sind. Wenn man das Glück hat zu wissen, für wen man schreibt, kommt hinzu, dass Eigenheiten berücksichtigt werden sollen, seien sie nun sprachlicher Natur oder seien es solche, die mit dem (Bühnen)Charakter, der Persönlichkeit zu tun haben.

"Junge, komm bald wieder ..." - na ja, mit so einem Bötchen wird er nicht rausgeschippert sein, aber die Farben bringen die Sehnsucht nach dem Eer doch ganz gut rüber, oder?
„Ein Schiff wird kommen …“ – na ja, so ein Bötchen ist vielleicht nicht gemeint 😉 Aber Sehnsucht macht das Bild auch, oder?

Können Sie sich das mit der sprachlichen Natur vorstellen? Es gibt dabei zwei Aspekte:

  • Lautfolgen sollen singbar und verständlich sein; manche Konsonantenansammlungen sind da hinderlich, aber auch wenn ein Wort auf einem Vokal endet und das nächste auf einem beginnt, kann das zu Verständnisschwierigkeiten führen.
  • Manche Interpretinnen kommen mit bestimmten Vokalen besser zum Klingen; Udo Jürgens z. B. auf dem „i“, Karel Gott eher auf dem „a“ – wenn Textschaffende wissen, in welche Kategorie „ihre“ Künstlerin gehört, können sie das berücksichtigen

Wer sich einen kurzen Überblick verschaffen will, weil es nach einem Traumjob klingt – bitte hier entlang . Edith Jeske, die hier befragt wurde, leitet seit 1996 die „Celler Schule„, eine Masterclass für Songschreiberinnen. Seit 2002 steht ihr da Tobias Reitz zur Seite, ein sehr erfolgreicher Texter. Die beiden haben auch ein Handbuch für Songtexter verfasst – ein guter Einstieg ins Thema. Andere Texter sind zum Beispiel:

    • Dieter Schneider

Unter Lyrik hingegen verstehen wir heute Gedichte, die teils gereimt, teils ungereimt sind, die aber vor allem durch sprachliche Dichte gekennzeichnet sind, z. B. so was hier:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke)

Das kann man sich nicht als Schlager vorstellen, oder? Vertont wurde das Gedicht aber auch, und zwar mehrfach, wie die Zusammenstellung von Jessica Riemer zeigt. Auch ein Barde der populären Musik hat sich daran gewagt: Konstatin Wecker. Trotzdem: Lyrics im hier vorgestellten Sinne ist das Gedicht nicht. Lyrik gibt es in vielen verschiedenen Facetten:

  • romantisch
  • aufwühlend
  • provozierend
  • nachdenklich
  • politisch
  • religiös

Lyrics können das alles ebenfalls – aber die Bindung an Musik, und zwar in der Regel an eine bestimmte musikalische Richtung – Schlager, Pop, Rock, Folk – lässt der Sprache weniger Spielraum als eben Lyrik.

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